
Über Libidoverlust, Wechseljahre und die Frage, warum Sexualität immer noch so viele Erwartungen erfüllt
Kaum ein Thema löst gesellschaftlich so schnell Diskussionen aus wie Sex. Und noch viel weniger der Satz: „Ich möchte keinen Sex mehr haben.“ Vor allem dann nicht, wenn dieser Satz von einer Frau kommt. Oder schlimmer noch: Von einer jüngeren Frau. Denn irgendwie scheint Sexualität gesellschaftlich immer noch eng mit Glück, Gesundheit und funktionierenden Beziehungen verbunden zu sein.
Wer keinen Sex mehr möchte, gilt schnell als: unglücklich, hormonell gestört, beziehungsunfähig, frustriert oder „nicht normal“. Dabei frage ich mich inzwischen immer öfter: Warum eigentlich?
Denn Diskussion bedeutet auch Kommunikation. Und Kommunikation ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Vielleicht sollten wir sogar viel ehrlicher über dieses Thema sprechen. Nicht über Stellungen. Nicht über Perfektion. Nicht über „wie oft ist normal“. Sondern über etwas, das viele Menschen heimlich beschäftigt: Was passiert eigentlich, wenn Sexualität verschwindet? Oder wenn man bewusst entscheidet, keinen Sex mehr haben zu wollen? Und warum scheint genau das gesellschaftlich fast verboten zu sein?
Die Geschichte meiner Eltern
Vorab möchte ich dir eine Geschichte aus meiner Kindheit und Jugend erzählen. Meine Eltern führten bis heute eine ziemlich normale Ehe. Liebevoll. Manchmal mit Drama. Aber grundsätzlich stabil. Was Sexualität anging, haben wir Kinder nie wirklich etwas mitbekommen. Aber natürlich gab es sie.
Bis irgendwann etwas begann, sich zu verändern. Meine Mutter kam in die Wechseljahre. Damals verstand ich vieles noch nicht richtig. Aber ich bemerkte trotzdem, dass etwas anders war. Dieses ständige Schwitzen. Diese innere Unruhe. Und vor allem: Diese absolute Unlust auf Sex. Mein Vater hingegen hatte seine Lust natürlich weiterhin.
Und plötzlich entstand zwischen beiden etwas, das ich als Kind zwar nicht vollständig verstand, aber deutlich spürte. Dieses genervte Augenrollen meiner Mutter. Dieses ständige Seufzen meines Vaters. Er voller Sexualhormone. Sie emotional und körperlich völlig woanders. Er wollte Nähe über Sexualität. Sie wollte einfach ihre Ruhe. Und vielleicht beginnt genau dort etwas, worüber unglaublich viele Frauen schweigen.
Denn gesellschaftlich wird uns bis heute vermittelt: „Kein Sex zerstört eine Beziehung.“ Und genau dieser Satz setzt viele Frauen unter Druck.
Wenn Sexualität zur Pflicht wird
Ich glaube, viele Frauen kennen dieses Gefühl. Nicht unbedingt offen ausgesprochen. Aber innerlich. Man tut etwas, das man eigentlich gar nicht möchte.
Nicht aus Lust. Sondern aus Pflichtgefühl. Aus Angst, den Partner zu verlieren. Aus Angst, „nicht genug“ zu sein. Oder weil man gelernt hat: „Zu einer guten Beziehung gehört Sex eben dazu.“
Doch was passiert eigentlich, wenn Sexualität nicht mehr freiwillig ist? Wenn der eigene Körper längst Nein sagt, aber man trotzdem Ja gibt? Dann entsteht oft etwas völlig anderes: Stress. Denn der Körper reagiert auf Dinge, die wir innerlich ablehnen. Und plötzlich wird aus Nähe Druck. Aus Berührung Anspannung. Und aus etwas, das eigentlich Verbindung schaffen soll, entsteht innerer Rückzug. Ich glaube, genau das wird gesellschaftlich oft völlig unterschätzt. Denn viele Menschen sprechen über Sexualität nur aus der Perspektive von:
Lust, Leidenschaft, Begehren. Aber viel zu selten über: Druck, Erschöpfung, hormonelle Veränderungen, emotionale Distanz zum eigenen Körper.
Wechseljahre verändern nicht nur Hormone
Was mich heute rückblickend beschäftigt: Wie wenig ehrlich über Wechseljahre gesprochen wird. Man hört: „Da kommen Hitzewallungen.“
Aber kaum jemand spricht darüber, dass Wechseljahre oft die gesamte Beziehung zum eigenen Körper verändern. Denn Libidoverlust ist nicht einfach: „Ich habe heute keine Lust.“ Es kann sich anfühlen wie: völlige körperliche Distanz, emotionale Müdigkeit, Überforderung, Reizbarkeit, das Bedürfnis nach Ruhe statt Nähe.
Und gleichzeitig lebt man in einer Gesellschaft, die Sexualität permanent als etwas Wichtiges darstellt. Fast so, als würde fehlende Lust automatisch bedeuten, dass etwas falsch läuft. Dabei verändert sich der Körper in den Wechseljahren massiv. Hormone schwanken. Das Nervensystem reagiert empfindlicher. Der Schlaf verändert sich. Energie verändert sich. Und manchmal verändert sich eben auch das sexuelle Empfinden. Nicht aus Boshaftigkeit. Nicht gegen den Partner. Sondern weil der Körper plötzlich andere Bedürfnisse hat.
Was gehört wirklich zu einer guten Beziehung?
Je älter ich werde, desto mehr frage ich mich: Was macht eine gute Beziehung eigentlich wirklich aus? Ist es tatsächlich nur Sexualität? Oder vielleicht viel mehr: Respekt, Vertrauen, Kommunikation, Verständnis, ein liebevoller Umgang miteinander.
Denn wenn Sexualität der einzige Stabilitätsfaktor einer Beziehung wäre, wäre das eigentlich ziemlich traurig. Natürlich kann Sex wunderschön sein. Verbindend. Nähe schaffen.
Aber sollte ein Mensch wirklich Dinge tun müssen, die sich innerlich falsch anfühlen, nur um eine Beziehung zu erhalten? Ich glaube nicht. Und ich glaube auch, dass viele Frauen genau an diesem Punkt beginnen, sich selbst zu verlieren. Weil sie funktionieren. Weil sie glauben: „Ich muss doch.“ Dabei vergessen sie irgendwann zu fragen: „Was möchte ich eigentlich selbst noch?“
Die stille Erschöpfung vieler Frauen
Ich glaube, Libidoverlust hat oft viel tiefere Ursachen als reine Hormone. Denn viele Frauen sind dauerhaft erschöpft. Mental. Emotional. Körperlich. Sie organisieren Familien. Arbeiten. Kümmern sich um andere. Denken ständig mit.
Und irgendwann bleibt vom eigenen Körpergefühl oft kaum noch etwas übrig. Wie soll Lust entstehen, wenn der Körper permanent im Funktionsmodus läuft? Vielleicht verlieren viele Frauen nicht nur Lust auf Sex. Sondern zuerst den Zugang zu sich selbst. Und genau darüber spricht fast niemand offen.
Warum das Thema so tabuisiert ist
Was ich faszinierend finde: Über Sex wird heute überall gesprochen. In Serien. In Werbung. In Podcasts. Auf Social Media. Aber meistens nur aus einer Perspektive: Mehr Lust.
Besserer Sex. Mehr Leidenschaft. Kaum jemand spricht darüber, dass manche Menschen Sexualität bewusst weniger wichtig finden. Oder sich irgendwann fragen: „Brauche ich das überhaupt noch?“ Vor allem Frauen.
Denn bei Männern wird fehlende Lust oft medizinisch betrachtet. Bei Frauen dagegen schnell emotional bewertet. Und genau deshalb schweigen viele. Weil sie Angst haben: falsch zu sein, den Partner zu verletzen, nicht normal zu wirken. Dabei wäre Ehrlichkeit wahrscheinlich viel gesünder als jahrelanges innerliches Funktionieren.
Die neue Generation und ihre andere Sicht auf Sexualität
Was ich ebenfalls spannend finde: Die jüngere Generation scheint heute teilweise ganz anders mit Sexualität umzugehen als früher.
Wenn man an Jugendliche früher denkt, hatte man oft das Bild von: Experimentierfreude, frühem Ausprobieren, großem Interesse an Beziehungen und Sexualität. Heute wirkt vieles anders. Viele junge Menschen haben später Sex. Oder weniger.
Und ich glaube nicht, dass das automatisch etwas Schlechtes ist. Vielleicht verändert sich einfach die Gesellschaft. Vielleicht spielen dabei Dinge eine Rolle wie: Leistungsdruck, Unsicherheit, soziale Medien, weniger Vertrauen, Überforderung, emotionale Erschöpfung. Oder vielleicht verschieben sich Prioritäten einfach.
Schlaf wird wichtiger. Ruhe wird wichtiger. Alleinsein wird plötzlich nicht mehr automatisch negativ bewertet. Und vielleicht überlegen Menschen heute genauer, worauf sie sich emotional einlassen möchten.
Früher wirkte vieles wagemutiger. Man ging schneller Beziehungen ein. Vielleicht auch naiver. Heute wirken viele Menschen vorsichtiger. Nicht unbedingt beziehungsunfähig. Aber bewusster.
Die Gesellschaft liebt Selbstoptimierung, auch beim Sex
Vielleicht liegt genau dort eines der größten Probleme. Wir leben in einer Gesellschaft, die ständig vermittelt: mehr fühlen, mehr erleben, mehr Leidenschaft, mehr Begehren, mehr Performance. Fast alles wird optimiert. Sogar Intimität.
Und vielleicht vergessen wir dabei, dass Menschen unterschiedlich sind. Dass Sexualität nicht bei jedem denselben Stellenwert haben muss. Und dass es völlig legitim sein sollte, ehrlich über die eigenen Bedürfnisse zu sprechen. Auch dann, wenn diese Bedürfnisse nicht gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen.
Nähe ist nicht nur Sexualität
Was mir persönlich wichtig ist: Nähe besteht nicht nur aus Sex. Menschen sehnen sich oft eigentlich nach: Verständnis, Geborgenheit, Ruhe, emotionaler Sicherheit, ehrlicher Verbindung.
Und manchmal geht genau das verloren, wenn Sexualität nur noch als „Pflicht für funktionierende Beziehungen“ betrachtet wird. Vielleicht wäre es gesünder, mehr darüber zu sprechen: Wie fühlt sich Nähe eigentlich wirklich an? Denn ein Mensch kann sexuell aktiv sein und sich trotzdem einsam fühlen. Und ein anderer Mensch kann kaum Sexualität erleben und sich trotzdem tief verbunden fühlen.
Die bewusste Entscheidung
Vielleicht ist genau das der schwierigste Punkt: Die bewusste Entscheidung. Nicht: „Im Moment habe ich weniger Lust.“ Sondern: „Ich möchte das gerade nicht mehr.“ Und ja: Das darf Menschen erschrecken. Den Partner. Die Beziehung. Auch einen selbst.
Aber vielleicht ist Ehrlichkeit trotzdem wichtiger als jahrelanges innerliches Übergehen. Denn der eigene Körper ist kein gesellschaftliches Pflichtprogramm. Und vielleicht beginnt Selbstbestimmung manchmal genau dort: Wo Menschen ehrlich zu ihren eigenen Bedürfnissen werden.
Mein persönlicher Gedanke dazu
Ich glaube nicht, dass es die eine richtige Form von Beziehung gibt. Manche Menschen brauchen Sexualität sehr. Andere weniger. Manche zeitweise gar nicht. Und all das sollte eigentlich ohne Scham besprechbar sein.
Denn Beziehungen bestehen aus viel mehr als nur körperlicher Nähe. Zumindest sollten sie das.
Vielleicht brauchen wir gesellschaftlich einfach viel mehr ehrliche Gespräche. Nicht über perfekte Sexualität. Sondern über echte Gefühle.
Über Veränderungen. Über Druck. Über Bedürfnisse. Über Erschöpfung. Und darüber, dass Menschen sich im Laufe ihres Lebens verändern dürfen. Auch körperlich. Auch emotional.
Und während du vielleicht gerade über deine eigene Beziehung nachdenkst, über Nähe, Erwartungen oder Dinge, die man sich oft nicht laut auszusprechen traut, sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel ganz leise am Rand deiner Gedanken, schaut dich verständnisvoll an und flüstert:
„Vielleicht bedeutet Liebe nicht, sich selbst ständig zu übergehen, sondern gemeinsam einen Weg zu finden, auf dem beide Menschen ehrlich sie selbst bleiben dürfen.“
Schön das du hier bist 🩶
Was ist eine Beziehung zweier Menschen… Im besten Fall ist das… Liebe und Vertrauen, Verständnis für einander, dicht gefolgt vom Gefühl der sich gegenseitig schenkenden Geborgenheit, Zärtlichkeit zueinander ohne Forderungen… und so viel mehr aus der „Gefühlswelt“ zweier Menschen. Intimität spielt dort sicherlich auch eine Rolle, deren „Gleichgewicht“ wohl zwischen den Partnern „intim“ bleibt. Vorausgesetzt, dass es eine „echte“ Liebe ist. Die „echte“ Liebe ist immer „leicht“. Sie braucht keine „Beweise“ – weil und wenn sie echt ist. Und… sie ist immer einfach… auch im Alter. Auch mit den Veränderungen des Lebens…
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Vielen lieben Dank für deine Antwort. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Ich denke dass aus dieser Intimität die wahrscheinlich in jeder anfänglichen Beziehung besteht, immer vor allem Respekt und Vertrauen entstehen sollte. Denn nur durch diese Komponenten kann doch eine Liebe erst leicht werden.
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