Blicke in der Pubertät

Es gibt Menschen, bei denen reicht ein Blick. Ein einziger. Und du weißt genau, was los ist.
Da ist der Blick, der sagt: „Mir geht’s gut.“ Und du glaubst es. Dann gibt es den Blick, der sagt: „Alles in Ordnung.“ Und du weißt sofort: Nichts ist in Ordnung.
Und dann gibt es diese ganz besondere Kategorie. Diese Mischung aus… irgendwas. Ein bisschen echt. Ein bisschen gespielt. Ein bisschen undurchschaubar.
Und irgendwann, wenn man älter wird, lernt man, das zu lesen. Man wird vorsichtiger. Lässt nicht mehr jeden nah ran. Schaut genauer hin.
Und man merkt ziemlich schnell: Wer es ehrlich meint. Und wer nicht.
Zumindest denkt man das.
Bis… man ein pubertierendes Mädchen zu Hause hat.
Denn dann merkt man ganz schnell: All das Wissen… hilft dir genau gar nicht.
Mein Exemplar ist da ein perfektes Beispiel.
Pubertierende Mädchen sind sowieso ein Phänomen. Wirklich.
Ich bin mir nicht sicher, ob man das verstehen muss oder ob man es einfach nur beobachten sollte. Denn eines ist sicher: Sie haben einen Gesichtsausdruck.
Einen.
Und der ist… nicht zu deuten. Wirklich nicht. Ich habe schon alles versucht.
Interpretieren.
Analysieren.
Zwischen den Zeilen lesen.
Keine Chance.
Mein Exemplar betritt also den Raum. Alles wirkt ruhig. Alles wirkt normal. Aber dieser Blick…
Ich schaue sie an.
Sie schaut mich an.
Und in meinem Kopf läuft ein ganzes Programm ab:
„Was ist passiert?“
„Habe ich etwas vergessen?“
„Ist in der Schule etwas gewesen?“
„Habe ich irgendwas falsch gemacht?“
Und dann stelle ich die Frage: „Was ist denn jetzt schon wieder passiert?“
Und die Antwort kommt prompt: „Nichts.“
Aha. Nichts. Dieser Blick sagt alles. Aber das Wort sagt: nichts.
Und dann beginnt dieses kleine Spiel. „So siehst du aber nicht aus.“
„Mama… so sehe ich immer aus.“ Stille. Und ich denke mir: „Ja… wenn man pubertierend ist vielleicht.“
Denn ganz ehrlich? So sehe ich nicht aus, wenn bei mir „nichts“ ist. Bei mir sieht man das. Ich bin da sehr… transparent. Wenn ich gut drauf bin, sieht man das. Wenn ich genervt bin, sieht man das auch. Und wenn ich versuche, es zu überspielen, sieht man es wahrscheinlich erst recht. Ich bin nicht der Mensch, der viel versteckt.
Ich stehe morgens auf. Und meistens beginnt der Tag gut. Der erste Kaffee. Ruhe. Dieses gedämpfte Licht am Morgen. Die Welt ist noch leise. Meine Gedanken auch. Ich sitze da. Trinke meinen Kaffee. Und denke mir: „Okay… das könnte heute ein guter Tag werden.“ Dann kommt der zweite Kaffee. Und dann… kommt der Rest.
Menschen. Geräusche. Gespräche. Und irgendwo zwischen all dem verändert sich etwas. Ganz schleichend. Ich merke oft gar nicht genau, wann es passiert. Wann dieser Punkt kommt, an dem meine Stimmung kippt. Ein Satz. Ein Geräusch. Ein Moment. Und plötzlich bin ich genervt. Nicht dramatisch. Aber spürbar. Und das ist der Unterschied. Bei mir merkt man das. Ich meckere vielleicht kurz. Ein kleiner Kommentar. Ein kleiner Ausbruch. Und dann… geht es weiter. Ich versuche, mich wieder einzufangen. Zurückzukommen. Denn ich möchte nicht in diesem Gefühl bleiben. Ich möchte lieber wieder lächeln. Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich es möchte. Weil ich weiß, dass es sich besser anfühlt.

Und trotzdem… bin ich ehrlich. Ich verstecke es nicht komplett. Meine Stimmung darf man sehen. Und genau deshalb verstehe ich diesen Teenager-Blick nicht.
Dieser Blick, der alles sein kann. Und nichts gleichzeitig.
Ist sie traurig? Ist sie genervt? Ist sie müde? Ist sie einfach nur… da? Ich weiß es nicht. Und das macht mich manchmal wahnsinnig. Denn ich bin es gewohnt, zu lesen. Zu verstehen. Aber hier? Stehe ich vor einem Rätsel. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Dass Pubertät nicht logisch ist. Dass sie nicht klar ist. Dass sie nicht immer erklärbar ist. Sondern einfach… ist.
Ein Zustand. Ein Gefühl. Ein Chaos. Und vielleicht ist dieser Blick genau das. Ein Spiegel von innen.
Ein Gesichtsausdruck, der gar nicht dafür da ist, verstanden zu werden. Sondern einfach… da ist. Und während ich versuche, diesen Blick zu deuten… steht sie wahrscheinlich und denkt: „Warum macht sie daraus jetzt schon wieder so ein Ding?“
Und irgendwo haben wir beide recht. Ich mit meinem Bedürfnis zu verstehen. Und sie mit ihrem Bedürfnis, einfach zu sein. Und vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns. Ich möchte Dinge einordnen. Sie möchte sie einfach fühlen. Und beides ist okay. Auch wenn es manchmal nicht zusammenpasst. Und vielleicht muss ich lernen, nicht alles zu hinterfragen. Nicht jeden Blick zu analysieren. Nicht jedes „Nichts“ zu übersetzen. Vielleicht reicht es manchmal, es einfach stehen zu lassen. Auch wenn es schwerfällt. Denn am Ende… ist es nur ein Blick. Und dahinter steckt ein Mensch der gerade seinen eigenen Weg findet. Mit Gefühlen, die neu sind. Mit Gedanken, die sich noch sortieren müssen. Und vielleicht… ist dieser Blick gar nicht leer. Sondern einfach nur voll. Zu voll, um ihn in Worte zu packen. Und während ich darüber nachdenke, wie ich früher selbst war… wird mir klar: Vielleicht war ich gar nicht so anders. Vielleicht habe ich nur vergessen, wie sich das anfühlt.
Dieses Durcheinander. Dieses Nicht-Wissen. Dieses „Lass mich einfach“. Und vielleicht ist genau das meine Aufgabe. Nicht alles zu verstehen. Sondern da zu sein. Auch mit Fragezeichen im Kopf. Auch mit diesem Blick vor mir. Und vielleicht sitze ich irgendwann da, trinke meinen Kaffee in Ruhe, das Licht ist wieder gedämpft und meine Gedanken sind leise… und denke mir: „Das war gar nicht so schlimm.“

Und vielleicht sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel auf der Sofalehne, beobachtet mich dabei, wie ich versuche, diesen einen Gesichtsausdruck zu entschlüsseln, schmunzelt leise und sagt: „Manche Blicke sind nicht dafür da, verstanden zu werden… sondern einfach dafür, da zu sein.“

Schön das du hier bist 🩶

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