Es gibt Momente im Leben, in denen der Körper ganz still seine Arbeit macht.
Jahrelang läuft alles wie in einer gut organisierten Küche. Die Zutaten sind bekannt, die Abläufe eingespielt und die kleinen Helfer im Hintergrund wissen genau, was sie zu tun haben.
Auch in unserem Körper gibt es so eine kleine Chemieküche.
Dort arbeiten fleißige Helfer: die Hormone.
Man könnte sie sich vorstellen wie kleine Köchinnen und Köche, die ständig dafür sorgen, dass alles im Gleichgewicht bleibt. Sie regeln Stimmung, Schlaf, Energie, Körpertemperatur und noch viele andere Dinge.
Viele Jahre lang klappt dieses Zusammenspiel erstaunlich gut.
Doch irgendwann, meist ganz heimlich, beginnt die Küche sich zu verändern.
Ein paar der erfahrenen Köche ziehen sich langsam zurück. Andere sind plötzlich etwas durcheinander. Und manche Zutaten werden nicht mehr ganz so regelmäßig geliefert.
Bei manchen Frauen passiert das ganz sanft.
Die Küche räumt sich langsam um.
Bei anderen… nun ja.
Sagen wir es so:
Die Küchentür fliegt auf, ein Topf fällt um und plötzlich steht alles ein wenig Kopf.
So war es bei mir.
Mit 38 begann meine kleine innere Chemieküche plötzlich neue Rezepte auszuprobieren und zwar ohne mich vorher zu fragen.
Die liebevolle Köchin „Östrogen“ wurde etwas vergesslich. Ihr guter Freund „Progesteron“ tauchte nicht mehr ganz so zuverlässig zum Dienst auf.
Und während diese beiden versuchten herauszufinden, wie es weitergehen soll, liefen in der Küche plötzlich andere kleine Helfer wild durcheinander.
Da gab es zum Beispiel den kleinen Feuergeist, der plötzlich dafür sorgte, dass einem mitten im Raum warm wurde.
Oder den Nachtwichtel, der den Schlaf ein bisschen durcheinanderbrachte.
Und irgendwo dazwischen stand ich und dachte:
„Was passiert hier eigentlich gerade?“
Vor allem, wenn man mit Anfang vierzig plötzlich merkt, dass diese neue Phase schon begonnen hat.
Man hat doch gerade erst sein Leben sortiert.
Gerade erst gelernt, alles unter einen Hut zu bringen. Familie, Alltag, Gedanken.
Und plötzlich beginnt im Hintergrund eine ganz neue chemische Geschichte.
Jetzt, mit 42, merke ich noch einmal deutlicher, wie sehr diese kleine Küche manchmal ihr Eigenleben führt.
Es gibt Tage, da bin ich schneller gereizt, als ich es von mir kenne.
Kleinigkeiten reichen und innerlich geht sofort ein kleiner Topf über.
Das Verrückte daran ist:
Ich merke es. Ich weiß es.
Und trotzdem kann ich es nicht immer verhindern.
Es ist, als würde irgendwo im Hintergrund jemand die Gewürze falsch dosieren.
Ein bisschen zu viel Schärfe, ein bisschen zu wenig Gelassenheit.
Früher konnte ich vieles einfach wegstecken.
Heute springe ich manchmal schneller an, obwohl ich das eigentlich gar nicht möchte.
Also habe ich angefangen, mir kleine Gegenrezepte zu suchen.
Nach der Arbeit zum Beispiel versuche ich ganz bewusst, etwas zu finden, das mich entschleunigt.
Malen hilft mir dabei besonders.
Einfach Farben nehmen, ohne Plan, ohne Ziel.
Pinselstriche, die nichts müssen.
Gedanken, die dabei langsam leiser werden.
Es ist, als würde ich meiner inneren Küche sagen:
„Alles gut. Du darfst auch mal kurz Pause machen.“
Und manchmal klappt das erstaunlich gut.
… und manchmal eben auch nicht.
Vor allem dann, wenn meine pubertierende Tochter nach Hause kommt.
Mit ihrer ganz eigenen, geballten Mischung aus Gefühlen.
Mit dieser intensiven, ungefilterten Art, die wohl nur Teenager so perfekt beherrschen.
„Jungs sind doof.“
„Lehrer sind doof.“
„Alle Menschen sind doof.“
„Lernen sowieso.“
„Und überhaupt ist alles doof.“
Und während sie ihre Gedanken wie ein prall gefülltes Tablett bei mir abstellt, merke ich, wie meine eigene kleine Chemieküche kurz ins Wanken gerät.
Zwei Küchen.
Zwei Generationen.
Zwei völlig unterschiedliche Hormonrezepte und beide gerade nicht ganz im Gleichgewicht.
Manchmal prallen diese Welten aufeinander wie zwei Töpfe, die gleichzeitig überkochen.
Und dann stehe ich da, zwischen Verständnis und Überforderung, zwischen „Ich weiß genau, wie du dich fühlst“ und „Ich brauche gerade einfach fünf Minuten Ruhe“.
Doch vielleicht liegt genau darin auch etwas Verbindendes.
Denn so chaotisch sich diese Phase manchmal anfühlt, sie gehört zum Leben dazu.
Bei ihr beginnt etwas.
Bei mir verändert sich etwas.
Zwei Übergänge, die sich im Alltag begegnen.
Und vielleicht ist diese Zeit deshalb nicht nur anstrengend, sondern auch besonders.
Denn zwischen all dem Durcheinander entstehen auch Momente, in denen man sich gegenseitig versteht, ohne viele Worte.
Ein Blick.
Ein Seufzen.
Ein kleines Lächeln zwischendurch.
Natürlich gibt es Tage, an denen die kleine Chemieküche im Körper etwas chaotisch wirkt.
An denen nichts so richtig rund läuft.
Doch vielleicht gehört auch das ein bisschen dazu.
Denn das Leben verändert sich ständig.
Und genau wie in jeder guten Küche entstehen manchmal gerade aus den unerwarteten Zutaten die interessantesten Rezepte.
Und vielleicht sitzt irgendwo ein kleiner Wichtel auf der Fensterbank dieser inneren Küche, schaut den kleinen Hormonköchinnen beim Durcheinanderwirbeln zu und denkt sich schmunzelnd:
„Menschen sind wirklich eine faszinierende Mischung.“
Schön das du hier bist. 🩶