Wenn Kinder plötzlich größer werden
Manchmal passiert es ganz leise.
Nicht an einem bestimmten Tag. Nicht mit einem großen Ereignis.
Sondern in vielen kleinen Momenten.
Plötzlich wird die Zimmertür etwas fester geschlossen. Antworten werden kürzer. Und manchmal merkt man, dass das eigene Kind eine Welt hat, in die man nicht mehr ganz so leicht hineinschauen kann.
Die Pubertät ist eine besondere Zeit.
Für Kinder. Aber auch für uns Eltern.
Im Kopf der Eltern arbeitet oft ein ganz eigenes kleines Hochspannungswerk. Es sorgt dafür, dass der Alltag läuft, dass Termine organisiert werden, dass Gedanken sortiert werden und dass man versucht, alles irgendwie zusammenzuhalten.
Doch manchmal hat dieses Hochspannungswerk kleine Stromausfälle.
Dann sucht man Dinge, die direkt vor einem liegen. Man vergisst, was man gerade sagen wollte. Oder steht mitten im Raum und fragt sich kurz, warum man eigentlich hier ist.
Das gehört wohl manchmal dazu.
Doch während bei uns Erwachsenen gelegentlich der Strom kurz flackert, passiert bei unseren Kindern etwas ganz anderes.
In ihren Köpfen drehen sich plötzlich riesige Windkrafträder.
Mit voller Energie.
Sie wirbeln Gedanken, Gefühle und Ideen durcheinander und pusten dabei manchmal einen ganzen Sturm aus Emotionen durch den Alltag.
Mal weht ein frischer Wind voller guter Laune durchs Haus.
Dann lachen sie, erzählen von ihren Freunden und alles fühlt sich leicht an.
Und an anderen Tagen wirbeln diese Windkrafträder so kräftig, dass plötzlich Türen knallen, Diskussionen entstehen und die Stimmung sich schneller dreht als der Wind selbst.
Manchmal braucht es dann gar nicht viel.
Ein einziges Wort reicht.
Ein kleines Missverständnis.
Und plötzlich wirkt es, als würde irgendwo zwischen Windkrafträdern und Hochspannungswerk das Stromnetz kurz zusammenbrechen.
„Lass mich ausreden“, sagt die Tochter.
Dabei weiß die Mama eigentlich längst, was jetzt gleich kommen wird.
„Jetzt hast du mich nicht mehr lieb“, folgt vielleicht im nächsten Moment.
Und obwohl die Mutter genau weiß, dass dieses Kind das Kostbarste auf der Welt ist, steht sie plötzlich da und merkt, wie die Sicherungen im eigenen Hochspannungswerk kurz flackern.
Manchmal stehen wir Eltern dann einfach nur da und schauen zu.
Mit unserem kleinen Hochspannungswerk im Kopf, das versucht, den Überblick zu behalten.
Und gleichzeitig mit dem Wissen, dass das alles irgendwie dazugehört.
Denn genau in dieser Zeit wächst aus einem Kind langsam ein eigener Mensch.
Mit eigenen Gedanken.
Eigenen Gefühlen.
Und einem Herzen, das seinen eigenen Weg sucht.
Vielleicht ist die Pubertät deshalb auch ein bisschen wie ein großer Windpark.
Laut. Voller Bewegung. Und manchmal schwer zu verstehen.
Doch irgendwo zwischen all den drehenden Windrädern entstehen auch wunderschöne Dinge.
Die duftenden Blumen der Persönlichkeit.
Neue Ideen. Neue Träume. Neue Wege.
Und wir Eltern stehen ein Stück daneben und begleiten das Ganze so gut wir können.
Vielleicht nicht immer perfekt.
Aber mit viel Liebe.
Und wenn unser eigenes Hochspannungswerk dabei ab und zu einen kleinen Stromausfall hat, dann ist das vielleicht gar nicht so schlimm.
Denn auch das gehört zum Leben dazu.
Und vielleicht sitzt irgendwo auf einer Fensterbank ein kleiner Wichtel, beobachtet dieses Zusammenspiel aus Windkrafträdern und Hochspannungswerken und denkt sich schmunzelnd:
„Menschen wachsen wirklich auf die spannendste Weise.“
Schön das du da bist.